EU-Justizminister wollen Verfahrensrechte stärken
Die 27 europäischen Justizminister haben sich bei ihrer Tagung am vergangenen Freitag in Luxemburg grundsätzlich darauf geeinigt, Verdächtigten und Beschuldigten in Strafverfahren außerhalb ihres Heimatlandes ein Recht auf Verdolmetschung und Übersetzung (maßgeblicher Prozessunterlagen) zu gewähren. Auch Personen, für die ein Europäischer Haftbefehl ausgestellt ist, kommen in den Genuss dieser Rechte. Nach dieser „allgemeinen Ausrichtung“ sollen die Einzelheiten nun von den Arbeitsgruppen des Ministerrates ausgearbeitet werden.
Der zugrundeliegende Vorschlag der EU-Kommission stammt aus dem Juli diesen Jahres. 2004 scheiterte ein erster Versuch, insgesamt sechs Rechte für Verdachtspersonen in Strafverfahren festzuschreiben. Der nun gebilligte Entwurf für einen Rahmenbeschluss (PDF) war nicht unumstritten – unter anderem hatten sich der österreichische Nationalrat und der deutsche Bundesrat teilweise negativ geäußert, nicht zuletzt wohl wegen der Kosten.
Dolmetschen = Quatschen?
Dialog zwischen einer Dolmetscherin und ihrer dreijährigen Tochter:
„Mama geht heute zum Dolmetscher-Stammtisch.“
„Warum?“
„Ich treffe mich da mit Kollegen.“
„Dolmetscht ihr da auch?“
„Nein, wir quatschen nur.“
„Aber quatschen ist doch wie dolmetschen.“
Westerwelle und die Sprache Shakespeares

Uepo.de: Westerwelle lost in translation
Was hat Deutschlands möglicher nächster Außenminister nicht alles an Spott und Häme ertragen müssen. Zunächst war vor einigen Tagen ein über drei Jahre alter Mitschnitt einer Pressekonferenz auf YouTube aufgetaucht, in dem Guido Westerwelle nicht unbedingt glänzend Englisch parliert. Und dann auch noch das: Ein Journalist der BBC bittet den – nach eigener, späterer Aussage – völlig übermüdeten FDP-Chef um eine Antwort auf Englisch und bekommt – eine höfliche, aber bestimmte Abfuhr. Die Reaktionen in den Medien ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Tenor: Und der will Außenminister werden? Grünen-Chef Cem Özdemir ließ sich sogar zu einer Retourkutsche hinreißen.
Keiner hat jedoch eingewandt, dass Herr Westerwelle „beabsichtigt Außenminister zu werden, und nicht Dolmetscher“. So brachte es Hans-Dietrich Genscher am 30. September im Heute-Journal auf den Punkt. Und er sollte es wissen.
Kurz: Nicht jeder ist ein Fremdsprachen-Ass. Der BBC-Reporter im Presse-Saal (der übrigens eine Dolmetscherin dabei hatte) vielleicht auch nicht. Nicht nur Politiker, sondern auch Manager, Landwirtschaftsexperten oder Mediziner verlassen sich deshalb immer wieder auf kompetente Dolmetscher. Auch das Auswärtige Amt verfügt über einen hervorragenden Sprachendienst, der unserem zukünftigen Außenminister zur Verfügung stehen wird (auch wenn er nicht Westerwelle heißen sollte). Schließlich soll der sich mit Außenpolitik beschäftigen, und nicht mit Sprachkursen!
Richard Schneider vom Übersetzerportal hat nicht nur obige Grafik erstellt, sondern zu diesem Thema, einmal mehr, einen fundierten und interessanten Artikel verfasst. Lesenswert!
Der Revolutionsführer und sein Dolmetscher
Muammar Abu Minyar al-Gaddafi hat in der letzten Zeit des öfteren für Aufsehen gesorgt. So verlangte er etwa, bei der UN-Vollversammlung über die Zerschlagung der Schweiz zu debattieren, forderte die Gründung einer „NATO des Südens“ und mischte die Vereinten Nationen auf: mit Kritzeleien auf dem Mobiliar, seinem Beduinenzelt und nicht zuletzt mit einem 94-minütigen verbalen Parforceritt vor der gesamten Generalversammlung.
Diese Rede wurde natürlich verdolmetscht, allerdings nicht vom hauseigenen Dolmetschdienst, sondern von Gaddafis eigenem Dolmetscher. Der musste allerdings knapp zwanzig Minuten vor Schluss völlig erschöpft das Handtuch werfen. Einem Bericht der New York Post zufolge habe er mit den Worten „Ich kann nicht mehr“ (auf Arabisch) den Dienst quittiert – ein Mitschnitt auf YouTube widerlegt dies aber. Gaddafis Stab hatte es zuvor abgelehnt, dass die UN-Dolmetscher die Übertragung übernehmen und darauf bestanden, einen eigenen Mitarbeiter einzusetzen.
Wer sich gern ausführlicher informieren möchte, findet beim Übersetzerportal umfangreiche Lektüre und Links zu Videomitschnitt auf YouTube. Einen Überblick über weitere Artikel gibt es bei Google News auf Deutsch oder Englisch.
Update: The Top 10 Craziest Things Ever Said During a U.N. Speech (ForeignPolicy.com via Freakonomics)
Foto: United Nations Photo
Heute ist der 30. September
Und der 30. September ist der Internationale Tag des Übersetzens. Wer gern mehr darüber erfahren möchte, findet bei Welt Online einen lesenswerten Artikel. Und das Übersetzerportal weiß:
Der Internationale Übersetzertag wurde im Jahr 1991 von der weltweiten Übersetzerorganisation FIT (Fédération Internationale des Traducteurs) eingeführt. Das Datum geht zurück auf den Todestag des Heiligen Hieronymus, der als Schutzpatron der Übersetzer gilt. Der Gelehrte übersetzte unter anderem die Bibel ins Lateinische.
Herzlichen Glückwunsch allen Kollegen!
Großes Klassentreffen in Berlin
Wer am zweiten Septemberwochenende in Berlin ebenfalls die BDÜ-Konferenz „Übersetzen in die Zukunft“ besucht hat, dem wird es vielleicht ganz ähnlich gegangen sein wie mir. Ich hatte den Eindruck, mitten in einem wirklich gelungenen Klassentreffen zu stehen. Wobei es sich mit rund 1600 Kollegen aus über 40 Ländern schon um eine außerordentlich große Klasse handelte. Auch sonst hatte das Organisationsteam um Wolfraum Baur geklotzt statt zu kleckern: Über 80 Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops wurden in drei Konferenztage gepackt, dazu noch eine Fachmesse und eine Stellenbörse. Der VKD hat auf zwei Arten gezeigt, dass auch die Konferenzdolmetscher in die Zukunft übersetzen.
Zum einen haben fast 50 Kolleginnen und Kollegen aus dem Verband ehrenamtlich dafür gesorgt, dass vier Konferenzblöcke parallel verdolmetscht werden konnten und somit auf Deutsch, Englisch und meist auch Französisch erlebbar waren. Dank tatkräftiger Unterstützung durch Claire Labigne gab es im größten Konferenzsaal auch eine stumme Kabine. Erstmals zur Beteiligung aufgerufen hatte ich bei der letzten JMV und noch in Kassel meldeten sich die ersten Interessenten.
Zum anderen hatte das PR-Team um Aleksandra Kwasnik und Andrea Wilming eine Präsentation für die akkreditierte Presse vorbereitet. Die interessierten Journalisten – leider nicht so zahlreich erschienen wie erhofft - informierten sich über den Beruf des Dolmetschers und aktuelle Entwicklungen. Anschaulich wurde unsere Tätigkeit durch Vortragsteile auf Französisch (Sabine Seubert) und Polnisch (Aleksandra Kwasnik), die konsekutiv (Jessica Bauer) und simultan (Stanislaw Gierlicki) verdolmetscht wurden.
In den vielen Gesprächen mit Kollegen auf der Konferenz war durchweg Positives zu hören: viele neue Eindrücke und Kontakte habe man sammeln können, sogar potenzielle Kunden kennengelernt. Und für die VKD-Dolmetscher gab es bei der Abschlussveranstaltung auch die vorher versprochene Laola-Welle als Dankeschön.
Ein rundum gelungenes Klassentreffen also. Wobei ich bestimmt nicht als einziger hoffe, dass der BDÜ möglichst bald wieder die Übersetzer- und Dolmetscherwelt nach Deutschland ruft. In der Pressemitteilung zum Konferenzabschluss heißt es jedenfalls, man denke über eine Fortsetzung der Konferenz in drei Jahren nach.
Offene Türen in Brüssel
Anlässlich des Europatages (Was war das noch gleich?) am 9. Mai öffnen die europäischen Institutionen in Brüssel ihre Türen für die Öffentlichkeit. Da Dolmetschen und Übersetzen integraler Bestandteil der alltäglichen Arbeit dort ist, gibt es dazu auch Veranstaltungen. Die Generaldirektion Dolmetschen der EU-Kommission gibt den Besuchern die Möglichkeit, „Dolmetscher für einen Tag“ zu sein. Wer den Weg nach Belgien nicht auf sich nehmen will, kann über das Internet per Webstreaming mit Verdolmetschung in fünf Sprachen zuschauen. Das Parlament wartet mit einem Stand seines Dolmetschdienstes auf.
Das obige Video zeigt Eindrücke vom letzten Jahr.
Webtipp: TED-Konferenz
TED, kurz für Technology – Entertainment – Design, ist eine jährlich im kalifornischen Monterey stattfindende Konferenz, bei der Ideen von morgen diskutiert werden. Da sich aber nicht jeder die mehreren tausend Euro Konferenzgebühr leisten kann oder will, sind viele der Vorträge kostenfrei über die Konferenz-Homepage abrufbar.
Als ersten Einstieg empfehle ich Erin McKeans begeisternden Beitrag über Wörterbücher:
Das Videomaterial eignet sich übrigens auch sehr gut fürs Dolmetschtraining.
Webtipp: Interpreter Training Resources
Interpreter Training Resources ist nach eigenen Angaben die einzige Seite nur für Dolmetschstudenten, und ich glaube, das stimmt so auch. ITR ist eine wahre Fundgrube für angehende Konferenzdolmetscher und enthält Material zu den unterschiedlichsten Themen, von der Vorbereitung auf einen Dolmetscheinsatz über Tipps für die Abschlussprüfung bis hin zu Buchempfehlungen. Weitere Infos gibt es in einem Interview von SCICnews und bei ITR selbst.
Topolánek lost in translation?
Der kürzlich per Misstrauensvotum gestürzte tschechische Ministerpräsident und aktuelle EU-Ratsvorsitzende Mirek Topolánek hat einen Dolmetscher im Europäischen Parlament kräftig ins Schwitzen gebracht. In seinem Bericht über den letzten Gipfel an die Euro-Parlamentarier hat er recht deutlich Kritik an der Krisenpolitik der US-Regierung geübt.
Unter anderem bezeichnete er den von Präsident Obama eingeschlagenen Weg als “Weg in die Hölle”, was vom Dolmetscher wörtlich übernommen wurde. Im Tschechischen klingt diese Wendung offenbar weniger dramatisch als in anderen Sprachen. Die tschechische Nachrichtenagentur CTK schließt sich in ihrer Berichterstattung interessanterweise den anderen Medien an.
Darüber hinaus wurden Topoláneks “bondy” (Bonds, Wertpapiere) zu “bomby”, die USA würden ihre Schulden also nicht über Anleihen, sondern durch Waffenverkäufe finanzieren. Die Gründe für das Missverständnis liegen im Reich der Spekulation, an denen sich das VKD-Blog nicht beteiligen möchte. Daher hier nur einige interessante Links zum Thema:

